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Da chönnt ja jede cho!

  • Autorenbild: Theater Gurten
    Theater Gurten
  • 31. Aug. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 9 Minuten

27. Juni – 31. August 2024



Stück und Regie: Livia Anne Richard und Christoph Keller Musik: Elia Gasser

URAUFFÜHRUNG

Mit Cecilia Ngafor Fri, Theo Schmid,

Irene Müller-Flück, Natacha Siegenthaler, Adamo Guerriero, Beatrix Castelotte-Iselin, Armin Thalmann, Kathrin Schnegg,

Gregor Weidmann, Corina Frehner,

Stehpan Hugentobler,

Beatriz Olimpia Weidmann, Urs Schnegg, Veronika Thalmann, Samuel Kobel.


Zum ersten Mal in der 22-jährigen Geschichte des Theater Gurten hat Livia Anne Richard das neue Stück für den Theater Gurten Sommer 2024 nicht allein, sondern zusammen mit Christoph Keller entwickelt. Sie hat sich für diesen Weg entschieden, um künstlerisch neue Wege auszuprobieren und weil sie in Christoph Keller, der bereits mehrere Male in ihren Inszenierungen mitgewirkt hat, (Als Edward Whymper in «The Matterhorn Story», Zermatt, 2015, als junger Einstein, Theater Gurten 2010 oder als Cédric Küng, der Flirtcoach in der Inszenierung 2022 «Flöört.ch – Flirten lernen in 90 Minuten») grosses Potenzial sieht.

Christoph Keller ist professioneller Schauspieler und hat sich in der freien Szene unter anderem mit Eigenproduktionen der Gruppe PENG!Palast einen Namen gemacht.

Livia Anne Richard zeichnet verantwortlich für die bisherigen Erfolge des Theater Gurtens, so zum Beispiel «Einstein», «Paradies» oder natürlich «Dällebach Kari», hier hat Richards Stück gar als Vorlage zur Neuverfilmung des Stoffs durch Oskarpreisträger Xavier Koller gedient.

Auf die künstlerische Symbiose Richard/Keller darf man gespannt sein, werden sie das 16-köpfige Ensemble doch auch als Co-Regisseure zur Uraufführung von «Da chönnt ja jede cho!» bringen.


Zum Inhalt von «Da chönt ja jede cho!» – Uraufführung Theater Gurten 2024

 

Erich Kästner hat es mit seinem berühmten Satz auf den Punkt gebracht: «Leben ist immer lebensgefährlich». So ist es. Am Ende wird gestorben. Fertig. Das gilt für jeden Menschen auf dieser Kugel. Ausnahmen? Fehlanzeige.

Diese simple Tatsache sollte eigentlich sogar in einem simpel funktionierenden Hirn ein Aha-Erlebnis auslösen. Tut es aber nicht. Meistens. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass viele Menschen meinen, sie seien nicht gleich wie alle andern, sondern ziemlich viel mehr als die. Sogar solche, die, wenigstens auf dem Papier, über mehr als ein simpel funktionierendes Hirn verfügen, meinen das. Zum Beispiel, weil sie ein schnelles Auto fahren, ein grosses Haus besitzen, oder im Geld schwimmen. Oder auch nur, weil sie in einem privilegierten Land wie der Schweiz geboren sind. Vielleicht in Hinterschnösligen leben. Und zum Beispiel Wale Wüthrich heissen.

 

Wale Wüthrich bezeichnet sich als Ur-Hinterschnösliger in fünfter Generation und sagt «hie bini gebore u hie gahni o ids Grab». Er sagt das nicht etwa, weil er jemals tiefgängig über das eigene Ableben nachgedacht hätte, nein. Wale sagt das aus Trotz vor der eingebildeten Angst, hier weggedrängt zu werden aber auch so nebenbei, wie man Dinge halt so daherredet, er könnte geradesogut sagen «Da chönnt ja jede cho!».

 

Wale ist sowieso mit weitaus wichtigerem beschäftigt, denn mit schnödem Tiefgang. Als Hauswart eines Hinterschnösliger Mehrfamilienhauses, in dem für seinen Geschmack definitiv zu viele Nicht-Hinterschnösliger leben, hat er alle Hände voll zu tun. Meint er jedenfalls. Er beobachtet mit Argusaugen, wer wann den Waschküchenschlüssel bei ihm abholt UND WIEDER ZURÜCKBRINGT! Besonders auf der Hut ist er an jenen Tagen, an denen «die Italiener» Waschtag haben.

 

Daneben kämpft Wale einen hoffnungslosen Kampf gegen die «Drogenmafia», die aus einem harmlos langweiligen Beamten im 1. Stock besteht, der sich abends auf seinem Balkon friedlich einen Joint gönnt. Und dass die Beiz unten im Haus, welche Wale selbst seinerzeit hatte aufgeben müssen, nun plötzlich hoch erfolgreich von jungen Ausländern betrieben wird, treibt Wale zur einen Hälfte in die Verzweiflung und zur anderen Hälfte in eine fast schon kriminelle Energie hinein. Während Wale Wüthrichs Blutdruck also steigt und steigt, wird im Haus gelebt und geliebt. Dass die Verwaltung so blöd war, in der Hausordnung nur Haustiere, nicht aber schreiende Kleinkinder zu verbieten, findet Wale das Allerletzte.

Milde stimmt ihn eigentlich nur Barbara. Sehr milde sogar. Auch wenn sie eine Deutsche ist. Denn sie ist eine nette Deutsche. «Ja, das git’s, sälte, aber das gits, muess me zuegäh.» Auf sie hat Wale ein Auge geworfen, oder auch beide, wenn er nicht gerade die unendliche Reise des Waschküchenschlüssels verfolgt. Für Barbara springt er über seinen langen Schatten und bietet ihr tatsächlich an, ihr beim Einbürgerungsverfahren zu helfen, indem er «es guets Wort iileit».

Wale kann das. Oder er könnte es, wenn Barbara nicht zu stolz wäre. Wale hat nämlich dafür gesorgt, dass er im Dorf mittun und Einfluss nehmen kann darauf, dass «d Chile im Dorf blibt u nid z viel frömdi Fötzle chöme». Logisch, dass er kaum mal ein gutes Wort einlegt, ausser für Barbara, aber die will ja nicht.

Zwecks Einflussnahme klopft Wale jeden Dienstagabend einen Jass, und zwar mit «den richtigen Leuten». Die seift er dann nach seinem Gutdünken ein und sie sind froh darum, denn Wales Beobachtungsgabe erspart ihnen viel Arbeit. Dass Wales «Beobachtungsgabe» zuweilen eher einer selektiven Wahrnehmung oder aber seiner blühenden Fantasie entspringt, stört die drei Herren nicht. Noldi, der Dorfpolizist, Jürg, der Gemeindepräsident und Fritz von der Einbürgerungsbehörde sind immer ganz Ohr, wenn Wale die Stimme etwas senkt und sagt «I wott ja nüt gseit ha, aber…..».

 

Doch dann passiert scheinbar Unerhörtes: Das Schicksal oder das Universum oder wer auch immer hat Wales dahergeredeten Satz «i bi hie gebore u hie gahni o i ds Grab» aufgeschnappt, als bare Münze interpretiert und sofort umgesetzt. Und zwar so überraschend schnell, dass Wale Wüthrich gar nicht mitkriegt, dass er nicht mehr ist. Und so kommt es, dass Wale Wüthrich aus Hinterschnösligen noch immer meint, er sei Wale Wüthrich aus Hinterschnösligen, als er an der Himmelspforte steht und überhaupt keine Ahnung hat, wo er ist, geschweige denn, wohin die Reise geht, jedoch sofort den Spezialeingang für die Schweizer reklamiert und mit seinem Pass wedelt. Nur: Irgendwie reagiert da so gar niemand drauf und es könnte sein, dass Wale Wüthrich aus Hinterschnösligen lernen muss, dass seine kleinen irdischen Regeln und Gesetze mit denjenigen des Himmels nicht so ganz kompatibel sind…

 
 
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